Radikal aufrichtig – Einfach kein Arschloch als Führungskraft sein

Alles muss raus

Mal ehrlich, haben Sie nicht auch schon mal diesen Moment erlebt, in dem Ihnen innerlich der Kragen geplatzt ist und Sie direkt und ehrlich sagen wollten, was Sie von Ihrem Gegenüber halten? Haben Sie nicht auch schon mal davon geträumt, nicht mehr in Notlügen zu flüchten oder kein Blatt mehr vor den Mund nehmen zu müssen – vor Ihren Verhandlungspartnern, Kollegen oder Angestellten?

Wie schön wäre es, sich in diesen Momenten mal ordentlich Luft zu verschaffen. Vielleicht sogar immer, in jeder Situation, ja genau – warum halten Sie sich eigentlich mit Freundlichkeiten und Floskeln auf und kommen nicht gleich zum Punkt? Wären dann nicht alle endlich auf Spur und Sie schon viel weiter?

“Das Konzept von Ihnen ist eine einzige Enttäuschung – nicht vorzeigbar. Wer soll damit arbeiten können? Ihr Auftritt war wirklich peinlich – ich schäme mich für Sie. Merken Sie das nicht selber oder ist Ihnen alles scheißegal? Nochmal sowas und das war’s für Sie. Danke für nichts.”

Radikale Ehrlichkeit als Führungsstil oder Lebensprinzip hat etwas Verlockendes und taucht – in der Managementwelt und Lebensberatung – in verschiedensten Formen immer wieder auf. Es gibt Bücher zu Methoden, Kurse für den Einstieg, Coachings und kultartige Gruppen radikaler Ehrlichkeit und für lügenfreies Leben. Es gibt aber auch berechtigte Kritik an den Konzepten, vor allem den radikalen Formen.

Das wird man doch wohl noch …

Klar ist, ohne ehrliche Kommunikation können wir uns nicht in unser Gegenüber einfühlen. Die Mitteilung eigener Gefühle, unverstellte Offenheit signalisieren Vertrauen. Sind wir uns über die Motive des anderen unsicher oder misstrauen wir ihm sogar, fällt es uns besonders schwer Gesagtes anzunehmen oder mit Feedback und Kritik umzugehen.

Klar ist auch, dass nicht alles immer gesagt werden muss, was dem Einzelnen jeden Moment durch den Kopf geht. Auch das Nicht-Sagen, das „unkommentiert lassen“ ist eine Aussage. Ebenso kann kommunizierendes Schweigen eine starke Wirkung entfalten.

Wer einfach immer nur raushaut was er denkt, ungefiltert, formuliert im Moment hochkochender Emotion – der steht mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit am Ende als Arschloch da. Und hat damit letztlich mehr Schaden angerichtet, als er seinem Ziel nähergekommen ist oder andere überzeugen konnte ihm zu folgen.

Alle mir nach

Wer führt muss kommunizieren. Wer gut kommunizieren kann – motiviert, inspiriert – führt erfolgreicher. Erstaunlich dabei ist, wie wenig Aufmerksamkeit viele Führungskräfte der Form ihrer eigenen Kommunikation schenken. Dafür gibt es einige Gründe, etwa die Lehrmeinungen in der Ausbildung oder die Wahrnehmung der eigenen Position und der Rang innerhalb eines Unternehmens.

Wer stark in Hierarchien und Entscheidungsstufen denkt, wer glaubt dank seines formalen Status weniger motivieren und überzeugen zu müssen, macht sich anfällig für eine „lebensentfremdende“ Form der Kommunikation. Sprich: wer oben steht und den Ton angibt, der glaubt, sich um dessen Höhe und Lautstärke keine Gedanken mehr machen zu müssen. Ein fataler Trugschluss. Es ist leicht vorstellbar, was in den Köpfen Angestellter vor sich geht, wenn – kurz vor Deadline und unfertigem Ergebnis – der verantwortlichen Person der Kragen platzt. Oder wie Führung wahrgenommen wird, wenn Produktionsziele oder Projektbriefings einfach diktiert werden und die Ausführenden keinerlei Rolle als Persönlichkeiten spielen.

Führung ist Fordern und Fördern

Wer führt muss die Richtung vorgeben, einen Weg vorschlagen, Ziele und KPIs definieren, dafür sorgen, dass diese erreicht werden. Wer führt muss fordern. Aber wer führt muss auch motivieren und mitnehmen, darf nicht nur verlangen, sondern muss auch geben, empfinden und die Menschen dazu befähigen, diese Ziele erreichen zu können. Und genau hier liegt der Schlüssel zum Erfolg. Wir können nicht bekommen – ohne zu geben. Wir bekommen kein Vertrauen, ohne uns wirklich für den anderen zu interessieren, ohne uns um ihn zu kümmern, mit ihm zu empfinden – und ihm zu vertrauen.

Für Führungskräfte heißt das nicht automatisch alles Persönliche und Private zu offenbaren oder nach einem Briefing zu sagen „wird schon“. Es bedeutet eine Kultur zu leben, in der es allen möglich ist, in offener und aufrichtiger Weise kommunizieren zu können, ohne dabei den Menschen aus dem Blick zu verlieren. In der Kritik auf konstruktive Weise geäußert werden kann, Lob ehrlich und direkt ausgesprochen wird und die Persönlichkeit der Einzelnen akzeptiert wird. Was hier einfach klingt, ist gar nicht so leicht in der Praxis – nicht zuletzt wegen uns selbst. An zu vielen Stellen haben wir unsere Freundlichkeit, unsere Empathiefähigkeit und Verletzlichkeit einem „falschen“ Verständnis von Professionalität geopfert.

Das Experiment

Wenn Sie wissen möchten wie gut es um die Offenheit und Kommunikationskultur in Ihrem Team steht, dann machen Sie folgendes Gedankenexperiment: Stellen Sie sich einen freien, willkommenheißenden Ort vor. Der Ort sollte nicht zu formal sein, sagen wir eine sommerliche Wiese. Sie haben Ihr gesamtes Team um sich versammelt. Sie und Ihre Mitarbeiter*innen sitzen in einem Kreis auf dem Boden, locker mit etwas Abstand. Sie danken allen Anwesenden und garantieren, dass alles Gesagte in dieser Runde bleiben wird und dass es für das Aussprechen keine negative Konsequenzen geben werde.

Dann fragen Sie alle Anwesenden reihum nach ihrer vollkommen offenen und unverstellt ehrlichen Meinung zu Ihrem Kommunikationsstil – zu Ihrem Führungsstil.l.

Was bekommen Sie zu hören? Was lösen die Antworten in Ihnen aus?
Denken Sie mit Freude an eine solche Runde?
Wenn ja, dann gratulieren Sie sich allen für ein gesundes Klima, für offene Kommunikation.

Befremdet Sie die Vorstellung oder lösen die möglichen Antworten sogar Angst aus? Dann könnte das Folgende für Sie besonders interessant sein.

Formen guter Kommunikation

Wie aber sollten Sie bestenfalls kommunizieren? Welchen Rahmen wählen Sie für die Form, in der Sie kommunizieren? Ist ein besserer Stil erlernbar? Es gibt eine goldene Mitte zwischen brutaler Ehrlichkeit und manipulativem Geheuchel, zwischen unerbittlichem Befehl und übertriebener Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten: Deutliche Ansagen in klaren freundlichen Worten – spezifisch und aufrichtig, respektvoll und empathisch – mit Blick auf die Empfindungen des Gegenüber. Für die Umsetzung im Alltag sei hier auf zwei Konzepte verwiesen.

Kommunizieren ohne Gewalt

Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist ein einfaches, bewährtes und gut praktikables Konzept für klare unanschuldigende Äußerungen eigener Bedürfnisse und Bitten.

Entwickelt wurde die Idee gewaltfreier Kommunikation vom amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg zur Zeit der Bürgerrechtsbewegungen in den 1960er Jahren. Ziel ist die bessere Beziehung und Kooperation der Menschen untereinander, mittels dieser Form wertschätzender Kommunikation – ihr Gegenteil ist die lebensentfremdende Kommunikation.

Für die Anwendung im Konfliktfall empfiehlt Rosenberg die eigenen Äußerungen in fester Form aufzubauen. Zuerst werden die eigenen Beobachtung klar – d. h. ohne Bewertung und Interpretation – geäußert. Folgend wird das empfundene Gefühl angesprochen und das damit zusammenhängende Bedürfnis dargelegt. In der folgenden Bitte wird um eine Handlung gebeten (oder eine Lösung angeboten).

Als Satzschema ist folgende Form praktikabel:
„Wenn ich a sehe (Beobachtung), dann fühle ich b (Gefühl), weil ich c brauche (Bedürfnis). Deshalb möchte ich jetzt gerne d (Bitte).“

Unser exemplarischer Vorgesetzter von oben könnte so klingen:

“Ich habe mir gerade Ihre Präsentation und das Konzept angesehen. Offen gestanden bin ich nun etwas verärgert. Ich habe einen hohen Anspruch an die Form, in der wir unsere Arbeit präsentieren und dies vielfach kommuniziert. Ich bitte Sie vor der nächsten Präsentation gemeinsam darauf zu schauen.”

Was sich hier klar und einfach liest, ist in der Praxis nicht ganz so leicht umzusetzen. Besonders unreflektierte Bewertungen und pauschale Verurteilungen kommen uns in stressigen Situationen schnell über die Lippen. Gewaltfrei zu kommunizieren erfordert – gerade anfangs – eine besondere Sensibilität und Beherrschung.

Aufrichtigkeit radikal

Etwas modernisiert – in Sprache und Look der New Work angepasst – wird diese Form der Kommunikation von Kim Scott angeboten. Scott hat eine beeindruckende Karriere in einigen der führenden amerikanischen Techkonzerne hinter sich und selbst vieles an guter und schlechter Führung (und Kommunikation) erlebt. Unter dem Markennamen Radical Candor verbirgt sich eine klare Aufforderung an Führungskräfte „Challenge directly – Care personally“.

Der radikalen Aufrichtigkeit stellt Scott noch die ruinöse Empathie, die manipulative Unaufrichtigkeit und den widerwärtigen Angriff entgegen. Sie stellen die Extreme übertriebener Direktheit und unechter Aufrichtigkeit dar. Im gleichnamigen Buch, diversen Talks und eigenen Kursen werden weiterführende Übungen und Tipps zur Implementierung gegeben.

Ob unter dem Label Gewaltfreie Kommunikation oder Radical Candor, in beiden Fällen geht es um eine – in ihrem Grundsatz einfache – sehr menschliche Form des Miteinanders – klar, ehrlich und freundlich, aufrichtig, respektvoll und empathisch.

Wie also kein Arschloch sein?

Um ehrlich und gut kommunizieren zu können, müssen Sie zuallererst ehrlich zu sich selbst sein. Ihr Kommunikations- und Führungsstil ist eng verbunden mit Ihrer Persönlichkeit, dem eigenen Selbstverständnis und der Wahrnehmung Ihrer Mitmenschen. Führen heißt auch Vorbild sein – auch persönlich.

Sicher, spannungsreicher Unternehmensalltag, Zeit- und Anforderungsdruck, Hierarchie und Rollendenken und unser vorherrschendes Bild einer Führungspersönlichkeit sind große Herausforderungen – sie dürfen uns aber nicht davon abhalten besser und menschlicher zu führen.

Die Wahl der Mittel

Für die Umsetzung einer besseren Kommunikationskultur ist nicht nur die Persönlichkeit der Führenden entscheidend – auch entsprechende Werkzeug helfen bei der Etablierung einer menschlicheren Unternehmenskultur. Direkte und transparente Kommunikationswege, Feedbackkultur, gemeinsamer Sinn – was wir bei Teamhero leben sind auch die Zutaten unserer Softwarelösungen – mit denen Sie wiederum Ihre Herausforderungen meistern und Ihre Unternehmenskultur verbessern. Ihr Team wird es Ihnen mit einer stärkeren Unternehmensverbundenheit, besseren Ergebnissen und Vertrauen in Ihre Führungsfähigkeiten danken.

Weiterführende Links

Ein Überblick zu Gewaltfreier Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Roenberg

Zum aktuellen Stand und der Verbreitung von GFK von Barbara Leitner

Das Konzept von Kim Scott (englisch)

Eine Zusammenfassung und Kritik zu Radical Candor von Marc Abraham (englisch)

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